KTM goes MotoGP

Vor 80.000 Fans präsentierten die KTM-Testfahrer Mika Kallio und Alex Hofmann auf dem österreichischen Red-Bull-Ring in Spielberg die neue RC16. Wir haben KTM-Motorsportchef Pit Beirer und Alex Hofmann zum Weg des MotoGP-Einstiegs von KTM befragt.

Text: Wolfgang Brandt, Fotos KTM: Campelli M./Focus Pollution, Philip Platzer, Simon Cudby


Auf ihren zwei fliegenden Demo-Runden zeigten die beiden, wie die MotoGP-KTM also aussieht und ab nächstem Jahr in der MotoGP-Klasse mit den bisherigen Tech3-Yamaha-Piloten Piloten Bradley Smith und Pol Espargaró mitmischen will. Schon dieses Jahr startet der 33-jährige Finne und KTM-Testfahrer Mika Kallio beim MotoGP-Saisonfinale Mitte November in Valencia/E mit einer Wildcard auf der KTM RC16!

Hallo Pit! Wann und wie kam Euch erstmals die Idee, in die Moto-GP-Klasse einzusteigen?

Pit Beirer: Den Gedanken haben wir bereits 2003 aufgegriffen, aber nach einem ersten Abenteuer 2005 mit Kenny Roberts vorerst wieder auf Eis gelegt. Seitdem blieb die Idee aber immer in unserem Hinterkopf. Zwischenzeitlich haben wir viele Motorsportarten sehr erfolgreich belegt, bis hin zu den letzten großen Highlights, des US-Supercross-Titels oder den Gewinn der Moto3-WM. Aus dieser Euphorie kam etwa vor drei Jahren wieder der Wunsch, nun in die Königsdisziplin des Motorradrennsports einzusteigen.

Was waren die größten Aufgaben dabei?

Pit Beirer: In der kurzen Zeit, die wir unterwegs sind, muss ich die Logistik wohl an erster Stelle nennen. Wir hatten in der Firma eine Größe die perfekt war, um die ganzen Offroadsportarten samt Husqvarna und das Moto3-Projekt abzuwickeln. Für die Dimension MotoGP waren wir aber weder platz-, noch manpowermäßig vorbereitet. So hieß es also mit dem Start des MotoGP-Projekts, auch ein neues Motorsport-Gebäude in Auftrag zu geben, neue Fahrzeuge zu besorgen und annähernd 50 Leute einzustellen. Mit den besten Leuten die wir haben, konnten wir wiederum sehr gute Leute rekrutieren. Die ganze Mannschaft war erst einmal damit beschäftigt, sich zu vergrößern, gleichzeitig lief im Hintergrund schon die Konstruktion fürs MotoGP-Motorrad.

Und technisch?

Pit Beirer: In Sachen Technik kann man nichts hervorheben, weil ein MotoGP-Motorrad in unserem Werk noch nie gebaut wurde. Jeder kleine Stein war also neu zu erfinden und man muss alle diese Leute an Bord bringen, die diese Teile bauen können. Das ganze Projekt ist also auch eine technische Herausforderung und es reicht nicht nur irgendwelche Einzelteile zu konstruieren.



Wie weit habt Ihr Euch am bereits Vorhandenen orientiert?

Pit Beirer: Unser Motor von 2004/2005 war sicherlich die erste Benchmark für uns. Aber die ganzen Teile haben sich seitdem entwickelt, sind leichter und leistungsstärker geworden. Gewisse Ideen gibt es von dort. Eine ganz wichtige Nummer ist der Kurt Trieb, der hat diesen Motor damals gebaut, kam aus der Formel 1 und hat danach verschiedene Motoren gebaut, u.a. auch unseren Moto3-Motor. Mit dieser Erfahrung, hat er jetzt mit unserem MotoGP-Motor meiner Meinung nach sein Meisterstück abgeliefert.

Du hast die Moto3 angesprochen. Wie wichtig war die Erfahrung dort für euch?

Pit Beirer: Die Leute, die ein konkurrenzfähiges Moto3-Motorrad gebaut haben, wissen einfach schon sehr viel. Guten Motorradbau lernst Du in den kleinen Klassen von der Pike auf, denn dort kommt es vielleicht sogar noch mehr auf jedes kleine Detail an, weil du nichts mehr mit purer Leistung wettmachen kannst. Ohne den Straßeneinstieg 2012 in die Moto3-Klasse, wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen.

Wo steht KTM mit dem MotoGP-Projekt jetzt?

Pit Beirer: Wir sind jetzt auf der Bildfläche und waren bei zwei ersten Tests gemeinsam mit der Konkurrenz auf der Rennstrecke. Dort haben wir auf Anhieb sehr ordentliche Rundenzeiten abgeliefert. Das Grundgerüst steht absolut, das neue Motorsportgebäude ist fertig, das Team für die zwei MotoGP-Rennfahrer steht auf den Beinen und mittlerweile haben wir bereits mehrere Motorräder fertig. Wir können die Tests mit zwei Bikes pro Fahrer durchziehen. Jetzt geht es daran, den letzten Zehntelsekunden-Rückstand runterzuknabbern. Wir sind also in Sachen Zeitplan absolut auf Kurs!

Alex Hofmann: Was KTM da beim ersten Test abgeliefert hat, das war schon kein Prototyp mehr, sondern ein absolut fertiges Rennmotorrad! Das hat vom ersten Tag genau das gemacht, was es soll. Nach nun einem Jahr bin ich immer noch schwer beeindruckt, was sie da in der kurzen Zeit geschafft haben.

Was war denn die größte Herausforderung beim ersten Rollout?

Alex Hofmann: Der Erste zu sein, der sich erstmal auf so einen Feuerstuhl setzt (lacht)! Da weißt du natürlich nicht, wo die Reise hingeht.

Habt Ihr die Elektronik im Griff?

Pit Beirer: Einheitselektronik hört sich sehr einfach an! Man denkt, da hängt man einfach ein paar Kabel ans Bike an die fertige ECU, die ja eh schon alles kann. Das ist aber eine große Fehlinformation, denn es ist deutlich komplexer. Die ganzen Ein- und Verstellmöglichkeiten die auch eine Einheitselektronik bietet, sind immer noch enorm und können das Motorrad im Positiven, wie auch im Negativen extrem beeinflussen. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ja, die Elektronik haben wir im Griff (lacht)!

Wie weit hilft euch die Vereinheitlichung sogar?

Pit Beirer: Durch dessen Einführung wurde ein Millionengrab geschlossen! Wir haben für alles andere schon eine recht große Mannschaft an Bord, aber das Fragezeichen, mit wieviel Millionen extra man die Elektronik noch etwas besser machen kann, existiert in dieser Form nun nicht mehr.

Warum fiel die Entscheidung als Entwicklungsfahrer auf Alex?

Pit Beirer: Ich persönlich kenne ja den Alex schon aus Kindheitstagen, als wir noch gemeinsam Motocrossrennen gefahren sind. Unsere Wege haben sich seitdem immer wieder gekreuzt, aber wir hatten bisher nie die Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Er war bereits MotoGP-Werksfahrer, wir aber in diesem Segment noch nicht aktiv. Somit haben sich die Wege jetzt natürlich erst wieder durch unseren MotoGP-Einstieg gekreuzt. Der Alex ist einfach ein sehr guter Motorradrennfahrer! Er ist intelligent, weiß, wie man sich ausdrückt und es war einfach sehr wichtig für unser Projekt einen Fahrer zu haben, der nicht das Motorrad beim ersten Rollout direkt ins Kiesbett stellt! Er sollte lieber erste nützliche und möglichst präzise Aussagen über das Motorrad machen können. Beim Alex weiß man das und dass er ein sehr guter Testfahrer ist. Aber auch Freund des Hauses KTM und darum war es einfach, mit ihm zu starten.

Alex Hofmann: Man muss sich ja dafür einigermaßen qualifizieren. Als mein MotoGP-Karriere als Rennfahrer zu Ende war, bin ich bei Aprilia direkt in den Testfahrerjob gegangen und habe für deren italienisches Werk lange Motorräder für die Superbike-WM und MotoGP getestet. Das macht bei mir im deutschsprachigen Raum sicher die meiste Erfahrung für solche Entwicklungen aus. Pit ist bei KTM auch eher mein Freund, wir kennen uns ja aus dem Motocross schon seit 30 Jahren! Wir waren sowieso immer im Kontakt und als es dann konkret wurde, haben wir uns zusammengesetzt.

Alex, was ist Deine primäre Aufgabe dort?

Alex Hofmann: Meine Rolle ist eine Kombination aus Testfahrer und Marketing, ich bin quasi das Multitool bei KTM. Um Das Programm als permanenter Testfahrer wie Mika ist ein Fulltime-Job, ich mache ja auch noch TV- und andere Sachen.

Also hast du mit Mika eine klare Rollenverteilung?

Alex Hofmann: Er ist als aktiver Wildcard-MotoGP-Fahrer ja eher die Performance-Sau, die immer versuchen muss, das KTM-Paket am Limit zu fahren. Von mir ist da alle paar Monate eher die objektive Meinung gefragt, wohin sich das Projekt entwickelt. Als Rennfahrer bist du es ja gewohnt, dich den Problemen anzupassen und sie quasi zu überfahren - das ist ein ganz wichtiger Punkt - und das mache ich eher weniger. Wenn ein Problem da ist, versuche ich herauszufinden, warum das so ist und wie man es lösen kann.

Wieviele Tage und Kilometer hast Du auf der RC16 schon abgespult?

Alex Hofmann: Das hält sich eigentlich in Grenzen. Ich bin drei Tage das erste Rollout gefahren, letztes Jahr fünf Tage Test und ich glaube dieses Jahr sechs Tage. Permanenter Tester ist ja der Mika und KTM hat die Möglichkeit, immer wieder Rennfahrer auf das Motorrad zu setzten. Das haben sie recht schlau gemacht, um so in kurzer Zeit Fortschritte zu erzielen.

Was wird Deine Rolle dort auch zukünftig sein?

Alex Hofmann: Oh, da müssten wir mal gucken. Die Verträge sind ja jährlich. Ich gehe mal davon aus, dass ich immer mal wieder auf der Kiste sitzen werde.

Wie sehr beeinflusst eurer Meinung nach die Aerodynamik des Helms auch andere Bereiche - allen voran natürlich das Motorrad?

Alex Hofmann: Ich kam jetzt bei KTM noch nicht so in die Aerodynamik-Tests rein. Ich glaube, da das ist das Projekt auch noch nicht. Außerdem bin ich dafür anhand meiner Größe und des Gewichts auch nicht der Richtige (lacht). Aber sicherlich, wenn ein Marc Marquez auf dem Weg zum Sieg diese letzten Zehntel sucht und durch eine gute Verkleidung in Verbindung mit dem perfekten Helm der dann wieder gut in die Lederkombi übergeht und alles eine gelungene Symbiose ergibt, um damit auf der Geraden ein bis zwei km/h schneller zu sein, dann würde ich schon sagen, dass auch ein Helm die Performance auf der Rennstrecke beeinflusst.

Pit Beirer: Ein guter Helm ist in Punkto Sicherheit des Fahrers erst einmal das Wichtigste. Die Aerodynamik spielt auch eine große Rolle. Wir sind da schon sehr stark in der Moto3-WM, da kommt es auf jede Kleinigkeit an um drei bis vier km/h zu finden. Da ist auch der Helm ausschlaggebend und so wird es auch auf dem großen Motorrad sein. Und wenn du bei 340 km/h den Kopf hinter der Verkleidung zum Anbremsen hochstreckst, muss schon gewährleistet sein, dass keine unnötigen Luftwirbel den Kopf hin und her reißen. Darum arbeiten wir auch gerne mit guten Helmherstellern zusammen, um alles im Windkanal zu optimieren.

Nächstes Jahr habt ihr u.a. Bradley Smith unter Vertrag. Was erwartet KTM von ihm?

Pit Beirer: Momentan strauchelt der Bradley ja gewaltig, meiner Meinung nach auch stark psychologisch begründet, weil er seinem Team sehr früh gesagt hat, dass er nächstes Jahr KTM fährt. Aber wenn man sich zurückbesinnt auf die reinen Fakten, dann war er letztes Jahr Sechster der MotoGP-WM! Unser Plan ist es, ihm ein Paket zu schnüren, dass er wieder an die alte Form anknüpfen kann.Er hat dort ja ein gutes Motorrad und es wird nicht einfach sein, ihm da etwas besseres hinzustellen. Ich vermute, wir werden mit einem kleinen Rückstand in das Projekt starten, wo er sich noch nicht so wohl auf dem Bike wie jetzt fühlt, aber es muss unser Anspruch sein, es sehr schnell und noch vorm vom Saisonstart in Katar hinzubekommen, dass er genauso kompromisslos mit dem Motorrad fahren kann wie letzte Saison. Die Motivation ist bei ihm und bei uns sicher vorhanden! Als Sechster der letzten Saison zählt er zu den allerbesten, die ein GP-Motorrad am Limit bewegen können. Mit ihm auf Augenhöhe in die neue Saison zu starten, ist unser Ziel.



Ihr wollt also besser als P6 sein?

Pit Beirer: Naja (lacht) … das erste Ziel ist erst einmal in Katar mit zwei Rennfahren am Start zu stehen. Da aber der olympische Gedanke nicht die Hauptüberschrift unseres Projekts ist, wollen wir schon so schnell wie möglich einen Fahrer in die Top-Ten platzieren.

Alex, du fährst schon viele Jahre einen SHOEI-Helm. Welche Erfahrungen hast du damit?

Alex Hofmann: Das stimmt, die meiste Zeit meiner Karriere war ich mit einem SHOEI-Helm unterwegs. Manchmal wurde ich dazu gezwungen etwas anderes zu fahren und kam nicht drumrum, aber wenn ich das selbst aussuchen durfte, war es ein SHOEI. Die Helme gehen von der Entwicklung in die gleiche Richtung wie die Motorräder. Man denkt dann immer, das Produkt kann nicht mehr besser werden und dann kommt trotzdem was. Das ist beeindruckend, nicht nur zum Thema Sicherheit, sondern auch z.B. die Belüftung - da bin ich auch sehr begeistert, was ein Helm unter diesen extremen Bedingungen trotzdem an Komfort und Ventilation bringt! Das ist schon ein tolles Produkt, die ganze Funktionalität und gleichzeitig klappert und wackelt nichts, alles sitzt! Das ist nicht mehr mit dem zu vergleichen, was ich noch selbst bei den Rennen trug.

Du hast die Wichtigkeit der Belüftung für dich angesprochen. Spielt Schweißbildung für dich eine große Rolle?

Alex Hofmann: Ja, ich bin doch eher ein Schwitzer, deswegen bin ich jedem neuen Belüftungshelferlein dankbar. Da würde ich schon sagen, das der SHOEI X-Spirit Maßstäbe gesetzt hat.

Wie war die Umstellung auf den SHOEI X-Spirit III - welche Eindrücke hast Du?

Alex Hofmann: Das war für mich ein fließender Übergang, man gewöhnt sich schnell an Dinge wie ein größeres Sichtfeld, neue oder andere Hebelchen. Auf dem Motorrad merkt man sofort, dass es ein SHOEI geblieben ist. Der X-Spirit III hat schon seinen eigenen Charakter, es ist nicht so, dass man einfach einen Helm auf den Kopf setzt und weiter gehts. Es ist halt wieder ein neues, besseres Modell.

Welche anderen Motorräder und Helmmodelle fährst du?

Alex Hofmann: Ich muss gestehen, ich fahre auf der Straße nur den X-Spirit III (lacht). Die KTM Superduke R 1290 und die KTM Superduke GT. Ich bleib mir da treu - einmal Racer, immer Racer! Beim Motocross mit dem VFX-W momentan eine 350er KTM, der Helm natürlich in meinem eigenen Design.

Vielen Dank euch beiden für das Gespräch und viel Erfolg mit dem MotoGP-Projekt!

Technische Daten KTM RC16:

Motor: V4 (1000 ccm), pneumatischer Ventiltrieb
Leistung: 250 PS
max. Drehzahl: 19.000 U/min
Elektronik: Magneti-Marelli
Chassis: Stahlrohrrahmen (Hinterradschwinge: Aluminium)
Radstand: 1400 mm
Höhe: 700 mm
Gewicht: 157 kg
Tank: 22 Liter
Dämpfung: WP Suspension
Bremsen: Brembo
Reifen: Michelin (17 Zoll)