Mopeten in Island | Teil4: Moonshine & Aurora

Tag 14 – es war kalt, es stürmte und trotzdem zog es uns wieder in das schroffe Hochland. Das heißt Micha und mich zog es dort hin. Markus und Marina hatten diesmal andere Pläne.

Aber schon nach knapp 100 Metern kam uns der erhärtete Verdacht, dass dies heute ein ziemlich kühler Ritt werden könnte. Also hielten wir noch mal an der nächsten N1 Tankstelle und pfiffen uns ein paar Hot Dogs zur inneren Wärmedämmung rein. Und da die Berge ringsum noch mit ordentlich Schnee bedeckt waren, hielten wir es außerdem für angemessen bei der Gelegenheit mit einem Ranger über unsere geplante Route zu schnacken.

Der meinte wir könnten bedenkenlos die F26 nach Süden fahren – sofern wir denn mit Schneemobilen unterwegs wären. Mit Motorrädern hätten wir allerdings wenig Chancen. Wir könnten es aber gerne dennoch probieren, meinte er, denn dafür sei die Rettung ja schließlich da.
Doch wir vergönnten ihm den Spaß einer Rettungsaktion mit seinem 6×6 Monstergeländequad und wählten stattdessen eine alternative Route weiter westlich.
Das hieß für uns eine deutliche Aufstockung der geplanten Tageskilometer, aber da es erst mal ein ordentliches Stück auf der gut ausgebauten Ringstraße längs ging, wollten wir es versuchen.

Zuerst fuhren wir über den ein oder anderen verschneiten Pass, bis uns fast die Fingerkuppen ab froren, dann rollten wir einige Kilometer entspannt im Sonnenschein dahin, bis uns irgendwann wieder mal ein so heftiger Wind entgegen blies, dass es die XT auf gerader Strecke nicht mehr über den dritten Gang hinaus schaffte.

Als wir uns nach dem erfolgreichen Kampf gegen das Wetter mal wieder in einer Tankstelle bei Burger und Pommes aufwärmten, beobachteten wir einen kleinen Van aus dem nach und nach eine halbe Division osteuropäischer Bauarbeiter heraus krabbelte. Ich war erstaunt wie viele Personen, noch dazu allesamt aus der Schwergewichtsklasse, in so eine relativ kleine Kiste passen.

Gestärkt und aufgewärmt machten wir uns daran, die letzten Kilometer auf Asphalt hinter uns zu bringen um endlich wieder im Hochland den Staub fliegen zu lassen.
Beim Essen hatten wir unsere Unterkunft auf der Karte ausgesucht: eine kleine Nothütte sollte uns diesmal Schutz für die Nacht bieten.
Die erste Hütte, die wir in der Prärie ansteuerten, war allerdings ein Schuss in den Ofen. Wir landeten nämlich vor einem Schafstall, wo einige Schafhirten gerade den Feierabend einläuteten. Seltsame gestalten waren das. Sahen allesamt aus wie aus einem schlechtem Horrorfilm.
Erst ignorierten sie uns komplett, dann wollten oder konnten sie sich nicht mit uns verständigen und zu guter Letzt meinten sie es gäbe weit und breit keine andere Hütte außer diesem Stall. Also zurück, und einen anderen Pfad mit der nächsten in der Karte eingezeichneten Hütte suchen.
Dann endlich erreichten wir das kleine Nothüttchen, aber dort erwartete uns auch die nächste Überraschung: vor dieser winzig kleinen Hütte stand nämlich der Van von der Tankstelle. Und tatsächlich kam promt einer dieser Schwergewichtler breit grinsend in Feinrippunterwäsche und einer Klopapierrolle unterm Arm hinter der Hütte hervor gewankt und winkte uns schief grinsend zu. Ein Blick zu Micha genügte und schon hingen wir wieder am Gas. – Eine Nacht mit 10 Arbeitern auf 8qm? Muss nicht sein.
Außer Sichtweite hielten wir, um uns beratschlagen, denn das Tageslicht wurde langsam knapp.

Die nächste in der Karte eingezeichnete Herberge lag noch ein paar ordentliche Kilometer durch recht toughes Gelände entfernt. Aber Zelten wäre bei dem vielen Wetter in dieser schutzlosen Gegend eine genau so wenig angenehme Alternative gewesen, wie gruppenkuscheln im Wodkadunst oder der unheimliche Schafspuff.

Also gaben wir Gas. Und zwar mächtig. Ungeachtet von Schnee, Eis, Sand und groben Schotter hielten wir die Schieber im Vergaser immer schön oben, denn wenn das letzte bisschen Tageslicht erst erloschen wäre, würde es in diesem Gelände, wenn überhaupt, nur noch im Schritttempo vorangehen können. Wir ließen es also krachen. Mehr als einmal blieb ich nur mit Glück im Sattel. Driften, springen, schlittern – egal, Geschwindigkeit stabilisiert.

Und tatsächlich kamen wir mit dem letzten bisschen Dämmerung bei der angepeilten Hütte an. Und Platz gab es auch noch für uns. Und zur Krönung sogar eine kleine Bar. Hallelulia!

Aufgeputscht wie wir durch diesen langen Tagesritt mit dem Dakar-würdigen Zieleinlauf waren, packten wir nicht mal unsere Sachen aus, sondern genehmigten uns zur Feier des Tages erst mal einen sündhaft teuren GinTonic.

Dann kamen wir ein paar Schweizerinnen ins Gespräch und schon bei der zweiten Bestellung mischte sich der Hüttenchef und Barkeeper ein. „Hey, you have to pay, you say stop“ *gluckgluckgluck* „STOP!“ „C’mon, don’t be a pussy, you have to pay this shit“*gluckgluckgluck*….
Er fing also einfach an das Mischungsverhältnis von Gin und Tonic, bzw. Kristall Plus, umzukehren.

Ungefähr ab diesem Zeitpunkt kann ich den weiteren Verlauf des Abends mehr oder weniger nur vom Hörensagen wiedergeben…
Ich erinnere mich dunkel, das wir, nachdem sich der Hüttenmeister selbst einige seiner eigenwilligen Mixturen genehmigt hatte, genötigt wurden alle verfügbaren Schnäpse des Hauses zu probieren, inkl. Moonshine (selbst gebrannter Wodka) und diversem anderen Zeug das schmeckte, als gehöre es eher in einen Öltank, als in ein Glas.

Ich weiß nicht mehr, wer dann mitten in der Nacht noch auf die Idee kam in den HotPot zu gehen. Es war auf jeden Fall keine besonders gute Idee, wenn man eh schon kaum mehr geradeaus schauen kann, mal eben von knapp 5°C Lufttemperatur in über 40°C heißes Wasser zu steigen. Das fühlte sich an wie eine intravenös verabreichte Überdosis einer Mischung aus Moonshine und Mondluft und führt in der weiteren Folge unter anderem dazu, dass man klitschnass im Wasser eine Zigarette rauchen will und sich ernsthaft fragt, wieso das nicht funktionieren soll und die Tatsache erst nach einer eingehenden wissenschaftlichen Studie mit allen verfügbaren Zigaretten und Feuerzeugen als bestätigt akzeptiert.

Man sagt, ich hätte im Pool schlafen wollen. Aufgewacht bin ich allerdings im Bett. Und kaum waren die Augen aufgeploppt, war mir klar, dass wir heute keinen Meter Motorrad fahren können werden. Egal. Es gibt durchaus schlimmere Flecken auf diesem Planeten um einen mächtigen Kater zu kurieren.

Ein paar Spaziergänge, ein bisschen schmökern, ein wenig planschen und kurz nach Sonnenuntergang bekamen wir zum krönenden Abschluss eine absolut faszinierende Show der Nordic Lights geboten.

Da hätten wir echt was verpasst. Danke Kater.

Am nächsten Morgen schwangen wir uns wieder frisch und ausgeruht auf unsere Eisenesel und ließen uns noch schnell von unserem neuen Freund, dem Barmann, ein paar Liter von seiner Spritreserve in unsere Tanks füllen.

Voller Elan fuhren wir los und landeten erst mal in einer Sackgasse. Der Pfad war auch wieder von der anspruchsvolleren Sorte und dadurch schlugen wieder ein paar mal meine Stoßdämpfer durch, was in Folge wiederum meinen Gepäckträger zerbröseln lies. Nachdem der Kofferträger mit einem Spanngurt und einer ausgefeilten Wickeltechnik wieder gefixt und der richtige Weg gefunden war wurde uns plötzlich weiß vor Augen.

Diesmal waren es nicht mehr nur so stellenweise kleine Schneehäufchen, wie bisher, sondern eine skitaugliche Schneedecke und da der Weg von der Umgebung leicht angesengt war, bot sich ein kurioses Bild: geschlossene Schneedecke auf dem Track und rechts und links pechschwarzer Sand ohne eine Spur von Winter, da das weiße Pulver vom Wind komplett in die Vertiefung gepustet wurde. Wir quälten uns eine Weile über den glitschigen Untergrund, nicht ohne den ein oder anderen Sturz, bis wir an eine Anhöhe kamen, und nichts mehr ging. Selbst Michas extrem grobe Stollenreifen schafften es nicht mehr, die Maschine auch nur annähernd kontrolliert vorwärts zu bewegen.

Uns blieb nichts anderes übrig, als auf den tiefen Sand knapp neben der Straße auszuweichen, was in Island (zu recht) strengstens Verboten ist. Wir trösteten unser schlechtes Gewissen damit, dass wir nur in einer Autospur fuhren, die schon jemand kurz vor uns in den Sand gezogen hatte.

Als wir die Schneepassage hinter uns gebracht haben cruisten wir viele Kilometer extrem entspannt über ruhige Kiesstraßen und genossen dabei die atemberaubende Landschaft mit Gletschern und Vulkanen bis wir irgendwann wieder in die Zivilisation eintauchten und uns auf machten, ein paar Sehenswürdigkeiten des sogenannten „goldenen Zirkels“ zu besuchen. Dieser Name kommt vermutlich von einem Touristenunternehmen, für die der Zirkel wahrhaftig gold wert ist und bezeichnet den „Ring“ der Sehenswürdigkeiten, die man innerhalb einer Tagestour bequem per Bus von Reikjavik aus besuchen kann. Entsprechend überlaufen war auch unsere erste Station am Gulfoss-Wasserfall.

Viele Busse, eine überteuerte Raststätte und angetrunkene Touristen empfingen uns dort. Für uns nach Tagen in der Abgeschiedenheit ein echter Schock. Deshalb drückten wir auch nur mal kurz obligatorisch auf die Auslöser unserer Kameras und machten uns sogleich weiter zur nächsten Station, dem Geysir.

Der Geysir selbst, ist wohl der Namensgeber aller Springquellen der Erde, hegt aber auch entsprechend zickige Starallüren indem er nur selten und sehr unregelmäßig eruptiert. Sein kleiner Bruder nebenan, der Stokkur, hat wohl nicht ganz so viel Bumms, bietet sein Schauspiel aber sehr viel zuverlässiger feil indem er im Schnitt alle 20 Minuten eine 25 Meter hohe Wasserfontäne in den Himmel schießt. Ich hätte den ganzen Tag diesem Schauspiel zuschauen können, aber nachdem ich es endlich geschafft hatte den Auslöser der Kamera im richtigen Moment zu drücken, fuhren wir weiter. Wir wollten schließlich noch bei Tageslicht in Reykjavik einlaufen.

Dann war es so weit. Reykjavik. Ampeln, Schilder, zweispurige Straßen und Verkehr. Wie ging das nochmal? Wir waren nach über zwei Wochen nicht mehr an Verkehr und dessen Regeln gewöhnt.
Immerhin störte sich auch in der Hauptstadt keiner daran, dass Micha ohne Nummernschild unterwegs war, weil es im Hochland abgerüttelt ist und bei mir die komplette Elektrik lahm gelegt war.

Durch Zufall fanden wir schnell die Jugendherberge, die unser Barmann empfohlen hatte, und verliebten uns auch ebenso schnell in diese wunderbare Stadt.
Obwohl wir am Abend zum Feiern viel zu müde waren, und uns nach einem tollen Abendessen relativ früh und stocknüchtern wieder auf den nach hause weg machten, verliefen wir uns unnötigerweise auf dem Weg zur Jugendherberge ganz fürchterlich.

Marina und Markus waren mittlerweile in Westfjorden angekommen und berichteten uns am Tag darauf von einem üblen Sturm der dort oben wütete. An sich nichts ungewöhnliches, für Island, allerdings war er diesmal so heftig, dass er die beiden beim Fahren in den Graben gepustet hat. Weder Marina und Markus, noch dem Mopped ist dabei etwas passiert, allerdings mussten sie aufgrund des Sturms die BMW am Straßenrand vorläufig aufgeben und sich per Auto zum nächsten Unterschlupf kutschieren lassen.

Da die Westfjorde auch unser nächstes Ziel war, wir uns in Reykjavik und unserem Hostel sehr wohl fühlten, und in der Stadt auch bestes, ja geradezu hochsommerliches Wetter vorherrschte, beschlossen wir nach Studium des Wetterberichtes noch zwei Tage zu bleiben, bis der Sturm sich gelegt hat.

Nach den zwei Tagen relaxen in Reykjavik hatten wir es zum ersten mal geschafft, morgens zu der geplanten Uhrzeit auf den Böcken zu sitzen.
Doch überraschender weiße war außer dem typischen „Katschump“ des Kickstarters der XT kein Laut zu entlocken. Nachdem ich vom vielen Kicken schon keine Puste mehr hatte, musste Micha ran und schieben. Doch aus das brachte nicht den gewünschten Erfolg. Nach zwei Stunden schrauben, kicken und fluchen und dem Ablassen von einem halben Liter Wasser aus der Zündung, stotterte die XT beim tausendsten Anschiebeversuch immerhin etwas. Wir ließen nicht locker und irgendwann lief sie dann auch wieder. Im warmen Zustand gab es dann auch keine weiteren Startprobleme mehr und wir machten uns auf Richtung Westfjorde. Schon einige Kilometer hinter der Stadtgrenze waren wir wieder in „unserem Island“, mitten in herrlicher Natur, umgeben vom dem vertrautem, kalten Wind.

Am nächsten Morgen stieg ich mit großen Sorgen auf die XT. Mit schlimmsten Vorahnungen im Kopf schnallte ich das Gepäck erst gar nicht auf, sondern machte mich zuerst daran, den Eisenhaufen zum Laufen zu kriegen.

„Klack, klack“ – Totpunkt suchen, Schwung holen und: „katschump!“ – Sie läuft. – One kick only, wer hätte das gedacht.
Jetzt bloß nicht ausgehen lassen und direkt erst mal zwei Runden übers Land heizen. Bei 40°C Öltemperatur sollte eigentlich nichts mehr schief gehen. Mann, war ich erleichtert.

Schnell noch nach dem Öl geschaut, Gepäck drauf, die Klamotten ordentlich anziehen und…
…nichts geht mehr.

10 Kicks – Helm aus, 20 Kicks – Jacke aus, 30 Kicks – Gepäck ab, Schieben, Schrauben, Fluchen, es half alles nichts. Die Kiste gab keinen Mucks von sich.

Stundenlang haben wir einen kleinen Abhang dazu genutzt, um die XT anrollen zu lassen. Dummerweise mussten wir sie auch immer wieder hinauf schieben.
Wir waren verzweifelt und ich hatte eine Stinkwut auf das Teil, aber was sollten wir tun als immer wieder alle erdenklich Fehlerquellen auszuschließen und es weiter zu probieren? Nach ca. 4 Stunden wurde unsere Arbeit endlich belohnt.
Fix und fertig, genervt und hungrig starteten wir also endlich unseren Trip und schon nach zehn Minuten, waren alle Strapazen wieder vergessen. Mein Mopped war wieder ein Teil von mir, ich liebte die Kurven und staunte pausenlos über die grandiose Küsten-Landschaft. Es wurde letztendlich noch ein perfekter Motorradtag, inklusive Wheelies, einem abendlichen Offroad-Ausflug ohne Gepäck und ein super Hostel in einer Hafenvilla in der wir mal wieder die einzigen Gäste waren. – Die Vorteile der Nebensaison und die Belohnung für das etwas kühlere Wetter.

Am nächsten Tag ging es wieder Richtung Süden. Wir fuhren die meiste Zeit in dickem Nebel und Regen (muss ich den böigen Wind noch erwähnen?) und großteils auf Asphaltstraßen. Eine bis auf das Wetter und kleinere Offroadpassagen eine eher unspektakuläre Fahrt, dafür wurde dies aber auch mit 450km die längste Tagesetappe auf Island.

Bis dahin hatten wir bereits 4.500 #Twiceland-Kilometer auf der Uhr und von nun an würde es auch schon wieder über Umwege, die Südküste entlang, Richtung Fähre gehen.

Aber diesen Teil der Reise, und die unfreiwillige Verlängerung, gibt’s dann im nächsten und letztem Teil des Tourberichtes…

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